Die Nebelzauberin

LESEPROBE

Kriminalroman / Psychothriller

Geschrieben im Sommer 2017 / Eingepflegt am 05.04.2020

Lucas’ Entscheidung

 

Von den Fausthieben, Schlägen und Tritten die mir diese verdammten Kümmelfresser in den letzten Stunden verpasst hatten, war ich inzwischen wie benommen. Ziemlich bald war mir klar geworden, dass ich diesen kalten, verregneten und düsteren Spätherbstabend des 24. Novembers nicht überleben würde. Meinem Ruf zur Folge bezeichnete mich Kommissarin Mahlke vom K11 später als „eine bekannte Größe aus dem Untergrund des Ruhrpotts“. 62 Jahre wurde ich - immerhin.

 

Die beiden Kümmelfresser hatten mich unter einem Vorwand durch den Hof, in diese muffige Betongarage gelockt. Gleich neben dem schäbigen Dönerladen. Völlig unerwartet hatte mich ein Schlag auf den Hinterkopf geradewegs in die Bewusstlosigkeit befördert. Augenblicklich wurde mir schwarz vor Augen.

 

Auf der Pritsche eines Lieferwagens kam ich allmählich wieder zu mir. Sie hatten mich gefesselt und an den Querstreben der seitlich angebrachten Verkleidung fixiert. Sie hatten sich nicht die Mühe gemacht, ihre Identität vor mir zu verbergen, was schon mal kein gutes Zeichen war. Mit so was kannte ich mich schließlich aus. Aber daran dachte ich in diesem Moment noch gar nicht. Das Erste, was in mir hochstieg, war Wut. Ich war wütend auf diese verfickte Türkennutte, die mich so galant in diese Scheiße hier gelockt hatte. Und ich war wütend auf mich. Gott, was war ich nur für ein Idiot! Wir kannten uns seit Jahren. Aicha hatte sich mit mir treffen wollen, weil sie das von mir wollte, was alle wollen, die bei mir antraten. Geld. Geld für eine Investition, die sie aus ihren Schulden holen sollte. Aus ihrem Schlamassel. Und in dem steckten Aicha und diese beiden Versager – Murat und Bülent - bis Oberlippe Unterkante.

 

Der Wagen fuhr unvermittelt langsamer und bog auf einem Kiesweg links ab. Plötzlich blieb er stehen und der Motor wurde abgestellt. „Endstation“, schoss es mir mit einem Anflug von Sarkasmus durch den Kopf.

 

Arschloch eins und zwei stiegen aus, knallten Fahrer- und Beifahrertür zu und ließen mich erst mal alleine. Ihre Schritte knarzten eilig durch den Kies und verstummten nach ein paar Sekunden.

 

Ich war alleine, hörte wie die Regentropfen, erbarmungslos vom heftigen Novemberwind begleitet, gegen das Dach des Lieferwagens knallten. Es war stockduster und meine Versuche, mich in irgendeiner Weise aufzurichten, geschweige denn zu befreien, misslangen. Sie hatten mich mit diesen Kabelbindern bombenfest an die seitlich befestigten Schienen der Rücklade gebunden.

 

 „Verdammt! Was haben die vor mit mir?“

 

Ich kniff die Augen zusammen, bei den Varianten, die mir bei den Gedanken blitzartig in den Sinn kamen. Und plötzlich war da ein riesiger Kloß in meinem Hals. Alles fühlte sich mit einem Mal so unwirklich an. Mein Magen zog sich krampfhaft zusammen und zack – bäng - da war sie. Die blanke Panik! Ich schrie aus Leibeskräften. Wie lange, das weiß ich nicht mehr, aber es schien Stunden zu dauern. Ich rüttelte und riss in totaler Hysterie an den Kabelbindern, bis mir die Haut an den Handgelenken aufplatzte – keine Chance.

 

„Was wird aus meiner Familie? Und was aus meiner Bella?“ Traurigkeit stach mir mit einem Mal durchs Herz.

Überall hatte ich Bargeld versteckt, außerdem war da noch der Schlüssel für den Tresor, im Haus meiner Mutter in Italien.

 

„Scheiße!“ Wieder kniff ich die Augen zusammen und schüttelte den Kopf. „Niemand weiß davon! Verdammt!“

 

Plötzlich wurde die Tür aufgerissen und Murat schnitt mich von den Seitenstreben los. Dann hievte er mich unsanft in ein altes Bauernhaus.

 

Im Laufe der nächsten Stunden bekamen sie von mir, was sie brauchten. Ich bin hart im Nehmen und kann viel aushalten. Aber abgesehen von den Schlägen und Tritten, die sie mir abwechselnd verpassten, drohten sie mir damit, meiner Familie etwas anzutun. Sie hatten alles genauestens durchdacht. Noch im Haus schnürte mir Bülent Kabelbinder um den Hals. Lädiert, wie ich inzwischen war, trugen sie mich zurück auf die Ladefläche des Wagens. Es war Murat, der mir den Kabelbinder mit einem Ruck zuzog.

 

Ich starb, während die beiden mich an den Weiher fuhren. Als wir dort ankamen, war ich längst tot. Wortlos legten sie meinen geschundenen Körper in einer kleinen Mulde am Straßengraben ab. Wie Müll. Dann fuhren sie weg.

Es war vorbei. Ich war alleine und stand wie paralysiert neben meinem leblosen Körper. So lange, bis mich urplötzlich eine handgroße Lichterkugel aus diesem Szenario aufrüttelte. Sie funkelte einige Meter in abertausend kleinen Momenten vor mir her. Mir war, als wenn sie mich dazu einlud, diese Welt zu verlassen, um in den jenseitigen Frieden einzutauchen.

 

„Nein. Noch nicht“, ging es mir instinktiv durch den Kopf. „Ich habe hier noch etwas zu erledigen.“ Entschlossen machte ich mich durch die Dunkelheit der Nacht auf den Weg. 

 

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